Beau Site
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Die Geschichte der "Beau Site"

 

 

Die Geburtsstunde der "Beau Site" ist nicht eindeutig. Nach der Firmengeschichte soll im Jahre 1776 am Neresbach eine Gipsmühle errichtet worden sein und zwar dort, wo sich heute die "Beau Site" befindet. Erbauer der Gipsmühle war der Hofkammerrat Strupler. Bereits 1778 hatte er die Erlaubnis für einen gastronomischen Betrieb erhalten. Eine Gipsmühle an dieser Stelle des Nerotals lässt sich jedoch nicht eindeutig nachweisen. In einer 1799 erschienenen Schrift für Kurgäste wurde das Nerotal folgendermaßen beschrieben: "Ein schönes ruhiges Wiesenthal, das auf der rechten Seite von dem steilen, von der emsigen Hand des Winzers zinsbar gemachten Fuße der Höhe, und auf der linken Seite von einem mäßig sich hebenden Fuße eben dieses Berges begrenzt ist, eine halbe Stunde lang Nordostwerts nach der so genannten Gipsmühle hin".

 

Sicherheitshalber sollte man den Ursprung der "Beau Site" um 60 Jahre in die neuere Zeit verschieben. Denn 1838 wurde am Ende des Nerotals durch den Kaufmann Nathan eine Lohmühle gegründet. Aus der Rinde von Eichenstämmen wurde dort die Lohe für die Gerber gewonnen.

 

Mit dieser Anlage der Lohmühle erfolgte auch der Bau eines entsprechenden Mühlkanals entlang der westlichen Talseite. Dieser ist noch in einem Teilstück neben den Hockeyplätzen des WTHC vorhanden - erkennbar an seinem geraden Verlauf -  und bildet dort das heutige Bett des Schwarzbaches.

 

Doch schon 1845 wurde neben den zur Gerberei vollständig eingerichteten Gebäuden in der Wiesbadener Metzgergasse auch die, "eine viertel Stunde von Wiesbaden in den freundlichen und sehr besuchten Anlagen des Nerothales gelegenen" Immobilien der Eheleute Franz Kasper Nathan zur Versteigerung ausgeschrieben. Sie bestanden aus einem zweistöckigen Wohnhaus mit Loh-, Schneide-, Mahl-, und Walkmühle, großer Scheuer, Trockenbau, sowie einem Garten und einer Wiese. Die erst im Jahre 1839 erbauten Gebäude erhielten sechs Zimmer, einen kleinen Saal, Keller, Küche, Kammern und Speicher und sollten auch vorzüglich zum Betrieb einer Sommerwirtschaft geeignet gewesen sein. Die Lohmühle ging in den Besitz von August Herz über. Der verband 1849 die Gerberei mit einer Knochenstampfe und empfahl das Knochenmehl auch den Weinbergsbesitzern als Düngemittel. 1850 erfolgte die Umwandlung in eine Kaltwasserheilanstalt. Man konnte dort Dampf-, Regen-, Staub-, und Duschbäder nehmen. 1857 schließlich eröffnete August Herz die Restauration, die erstmals 1863 mit dem Schriftzug "Beau Site" ihre Gäste erwartete. Wurde zunächst der ländliche Aufenthalt in der Kuranstalt "Beau Site" zur Herstellung der Gesundheit gepriesen, so waren es nach der endgültigen Umwandlung in ein Ausflugsrestaurant nach 1877 Lawntennis und die reichhaltige Speisekarte in dem Restaurant 1. Ranges und Wiener Cafe, die die "Beau Site" zum Rendezvous aller Fremden animieren sollte.

 

1907 musste das Anwesen wegen Erkrankung des Besitzers verkauft werden. Da der Magistrat der Stadt Wiesbaden befürchten musste, dass Spekulanten an dieser Stelle höhere Bauten errichten würden, wurde das Anwesen (3 Morgen, 3109 Ruten) für 278.000 Mark erworben und an die Familie Cruziger, die seit 1905 auch das Neroberg-Hotel betrieben, verpachtet. 1915, also während des 1. Weltkrieges, wurde beschlossen den "feindlichen" französischen Namen "Beau Site" durch "Café Nerotal" zu ersetzen.

 

In den folgenden Krisenjahren ging es mit dem Café bergab und es wechselte mehrfach seinen Besitzer. In dieser Zeit wurde die lange hölzerne Gartenhalle abgerissen. Ihr ehemaliger Standort ist noch heute als waldfreier Streifen leicht zu erkennen.

 

1933 übernahmen Paul und Rosa Golonsky das heruntergewirtschaftete Ausflugsziel von der Pächterfamilie Hartung. Der 1885 geborene Paul Golonsky war im berühmten Berliner "Café Kranzler" tätig gewesen und kam 1909 nach Wiesbaden. Hier war er als Produzent und Versender des berühmten Königsberger Marzipans tätig und war übrigens auch Erfinder und Patentinhaber der Marzipan-Kartoffelsäcke, genannt "Wiesbadener neue Ernte".

 

Kurz nach der Übernahme des "Beau Site" trat Golonsky auch als Pächter des 1933 von Wilhelm von Opel (15.5.1871-2.5.1948) gestifteten Clubhauses des benachbarten Wiesbadener Tennis- und Hockes Clubs auf. Dieses war jedoch mit seiner Miniküche für die Bewirtung der zahlreichen Gäste, besonders bei Großveranstaltungen, nicht geeignet, so dass die Versorgung von der ein gutes Stück entfernten "Beau Site" aus erfolgen musste und zusammen mit dem arroganten Verhalten einiger Tennisspieler zu Personalproblemen führte. In der Mitte der 30er Jahre erlebte die "Beau Site" eine neue Blütezeit, als die Besucherzahlen in Wiesbaden sehr stark anstiegen. Golonsky verkaufte seine Läden und die Marzipanfabrik und widmete sich nur noch der "Beau Site". Der Aufschwung war jedoch nur von kurzer Dauer. 1940/41 fanden von staatlicher Seite Überlegungen statt, ob die "Beau Site" oder das Neroberg-Hotel als "Luxusbetriebe" im Zuge der Kriegsmaßnahmen geschlossen werden sollten. Die Wahl fiel auf die "Beau Site" und Paul Golonsky wurde ins Finanzamt dienstverpflichtet. Die Familie musste sich nun eine neue Wohnung suchen und zog in die Moritzstraße. Dort wurde sie ausgebombt, wobei die Geschäftsunterlagen verbrannten. Das Inventar wurde beim Auktionshaus Jäger in der Luisenstraße eingelagert und überstand die Bombennächte unbeschadet. Die einmarschierten Amerikaner beschlagnahmten es jedoch für ihre Zwecke und es verschwand. Die später dafür gezahlte Entschädigung viel so gering aus, dass an eine Wiederaufnahme des Gastronomiebetriebes nicht mehr zu denken war. In der Folgezeit wurde die "Beau Site" zweckentfremdet und diente u.a. einer Filmfirma und der Konfektfabrik Adler. Das große, als Park gestaltete Außengelände mit der Wintereisbahn, wurde dem WTHC zugeschlagen.

 

Nach dem Auszug der Firma Adler stand das Gebäude leer, bis es 1983 von Gerd Klee und Hans-Jürgen Müller in Erbpacht von der Stadt übernommen wurde. Vorbildlich nach alten Plänen restauriert, konnte es als gastronomischer Betrieb wiedereröffnet werden. 1986 musste die "Beau Site" jedoch zwangsversteigert werden und wurde 1987 von Werner Lambrecht erworben.

Thorsten Reiß